Angelika Wende - "Archetypen Ich und Du"
Tief unter uns sind die Erdschichten auf denen unsere moderne Welt beruht ins Rutschen geraten. Machtzentren verschieben sich, Grundüberzeugungen und Weltanschauungen verändern sich über Nacht, Gewissheiten von gestern sind der Aberglaube von morgen.
Der Mensch ist in zunehmendem Maße sich selbst überlassen, soziale Netze reißen an ihren Knotenpunkten, Einfühlungsvermögen und Altruismus sind Gefühle, die in der rationalistischen, naturwissenschaftlichen Moderne verloren gehen. Die Kultur eines verantwortungsvollen Miteinanders ist dem Lebenskonzept eines überhöhten Ich- Bewusstseins gewichen. Die Unterwerfung der Gefühle unter den Verstand ist Tenor und der Glaube, die Vernunft bestimme die Gefühle ist der Mythos, der unser heutiges “In-Der-Welt-Sein” beherrscht.
Die Vernunft sitzt im Kopf.
Im Kopf geschieht alles, im Kopf sind die wahren Abenteuer, im Kopf finden sämtliche Prozesse, die den Menschen ausmachen ihren Anfang und ihr Ende. Der Kopf ist das Haus der Bewusstseinsinhalte und die Steuerungszentrale körperlicher und emotionaler Prozesse.
Der Kopf ist das Sujet des Malers und Bildhauers Matthias Rüppel.
Seit Jahren ist er das Thema seines künstlerischen Schaffungsprozesses. Matthias Rüppel hat sich der dauerhaften Suche nach dem, was über die Grenzen des Ichs hinausgeht verschrieben, fragt: War da nicht ein Urerlebnis hinter allen Erlebnissen, war da nicht, bevor der Mensch Zweiheit wurde und Vielfalt im Kosmos der Schöpfung, einmal Einheit?
Die Spurensuche nach der Ursprungserfahrung, das Leben in der Spannung zwischen der eigenen Identität und dem Umgang miteinander spiegelt sich, sich aufeinander beziehend in seinen Bildern und Skulpturen.
Der Kopf ist das Motiv mit dem er sich auf so intensive Weise beschäftigt, dass er ein Teil von ihm geworden ist, der beständig nach Ausdruck sucht, ihn zu immer wieder neuen Variationen herausfordert, ihn neue Wege gehen lässt, hin zu einer Perfektion, die sein Werk abhebt vom Mainstream jener Zeitgeistkapriolen der jungen Künstlergeneration, die sich sichtbar dem Flüchtigen verschreibt und dem Dauertüchtigen zweifelnd gegenübersteht.
Die Vielseitigkeit in der Technik, die Virtuosität und die Sensibilität im Umgang mit Material und Motiv, das freie Umgehen mit der Farbe, die ohne dass er den Pinsel benutzt, ihren Platz auf der Leinwand findet, sind beeindruckend. Allein mit Kohle und Spachtel modelliert Rüppel das Bild so sensibel, dass er keine fünf Zentimeter dicke Schicht braucht, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Die Köpfe erwachsen aus dem Bildgrund, entwickeln sich aus einem freien Zeichenstil, der geltende Regeln wie perspektivisches Zeichnen mit einem oder zwei Fluchtpunkten ignoriert. Hier sind es viele Linien, die bedingen, dass das Motiv in seiner Erscheinung relativiert wird, der Betrachter zunächst konkret wahrnimmt und erst auf den zweiten Blick die Konstruktion erkennt. Analytisch, akribisch, aus Linien und Strichen formiert sich das Ganze, das wie bruchstückhaft zusammengesetzt wirkt. In sich ruhend durch die monochrome Tönung der verschiedenen Grauwerte, packend durch die emotionale Expressivität gleichen diese Köpfe einer aus Stein gemeißelten Philosophie, deren Inhalt die Auseinandersetzung mit dem ich und dem Du ist, dem persönlichen und kollektiven Unterbewusstsein, dem Seinsbereich der Archetypen.
Das tiefere Verständnis des Geschauten findet nach dem optischen Erfassen statt, auf dem Weg des unbewussten Begreifens. Der Kopf ist so nicht nur Kopf, sondern gleicht seiner Erscheinung nach einer Metapher, die zugleich dem Maler und dem Betrachter als Projektionsfläche gegenübertritt.
“Der Kopf”, sagt Rüppel, “ist eine gute Metapher für Bewusstsein, für das sich selbst bewusst werden in einer Welt, in der der Mensch mir zu sehr fremd bestimmt ist, in der die freie Entscheidung und das Ausleben unserer tiefsten Bedürfnisse der Erfüllung fremd bestimmter Anforderungen und Erwartungen gegenüberstehen.”
Dieser Künstler führt einen Dialog mit sich selbst, Bild für Bild mit dem Ziel seine Identität zu erfassen in der Summe aller Einzelteile, die Menschsein ausmachen. Er ist sich dessen bewusst, dass sich das Wesen des Menschen nicht aus zwei Hauptelementen erklären und verstehen lässt, weiß, dass es viel differenzierter zu betrachten ist. Es sind unzählige Wesen, die in uns existieren, viele Ichs, eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Konditionierungen, ein Mikrokosmos von gezähmter, roher und sublimierter Natur, eine Welt von Sehnsüchten uns Spannungen. Wir schwingen nicht nur zwischen zwei Polen, etwa dem Geist und dem Trieb, wir schwingen zwischen unzähligen Polpaaren, sind, wie die Bruchstücke, aus denen Matthias Rüppels Köpfe ein Ganzes bilden, eine aus zahllosen Teilen sich bildende Einheit, deren Bestreben es ist zur Individuation zu gelangen. Rüppel stellt Fragen: Was denke ich, was bin ich und was wähle ich zu sein? Er zeigt uns worum es in diesem Leben auch geht. Und geht es nicht darum zu erkennen wer und was wir sind, uns selbst gewahr zu werden was aus unseren Absichten bezüglich unseres Lebens hervorgeht und wie es sich in der Welt zeigt?
In diesem Werk begegnet uns eine künstlerische Position, die diese Welt braucht um nicht in der blinden Egomanie einer hochgetriebenen Individuation zu verharren, die nichts anderes bewirkt, als die Trennung vom eigenen Ich, die zur Folge hat sich gegen das Ich zu kehren, um es letztlich zu zerstören.
Nur wer sich seiner Selbst bewusst ist, ohne es als monologisch zu begreifen, wer seine Eingebundenheit in die Natur, die Wirkungsweise des schöpferischen Prinzips anerkennt und achtet, ist fähig den anderen zu begreifen, ist fähig einen echten Dialog zu führen, der bedingt, dass keiner der beiden Parteien die miteinander in Kontakt treten, auf sich selbst zentriert sind und der zur Vorraussetzung hat, dass wir die eigenen Schattenseiten in uns anschauen, sie integrieren und nicht auf den anderen projizieren, weil wir dann nichts an uns selbst verändern müssen.
Dazu gehört der Mut und der Wille etwas zu verändern.
Im Dialog mit den Köpfen Rüppels liegt die Erfahrung, die entgegen dem Zeitgeistrationalismus seit Jahrtausenden in unserem kollektiven Bewusstsein in uns wirkt: die Erfahrung der Affekte, des Gefühls, das entgegen aller wissenschaftlichen Theorien dem Verstand die Richtung weist. Das uns leitet auf der Suche nach Wahrheit und die Schwächen des Denkens ausgleicht.
Und die uns hinführt zum Du.
Nach der mythischen Erzählung des Aristoteles in Platons Gastmahl strebt der Mensch ein Leben lang nach der Rückkehr zur ursprünglichen Einheit.
Das Ich ist ohne das Du nicht vorstellbar. Wir erkennen uns im Du, die Begegnung mit dem Gegenüber, dem von uns getrennten Individuum ist Teil unserer Menschwerdung, ohne das Du sind wir nicht fähig zu existieren.
Ich und Du, in Beziehung treten, Begegnung und der Umgang miteinander zeigt sich symbolträchtig in den bildhauerischen Arbeiten Rüppels. Die künstlerische Sprache ist hier nicht mehr rein visuell zu begreifen, vielmehr trägt sie das Wesen des Haptischen, vermittelt sich über das Erleben und Fühlen, über die Interaktion mit den skulpturalen Objekten, die Installationscharakter haben. Balanceakt und Wiegemesser sind Werke, die den Rezipienten auffordern aktiv in Beziehung zu treten, mit dem Objekt und über die Funktionsweise des Objekts – mit seinem Gegenüber. Und damit führt er uns zurück auf eine Art Normalerfahrung des Gefühls, die ihre eigene Sprache hat. Sie begegnet uns in Stein gehauen, modern und dennoch in einer archaischen Anmutung durch die grobschlächtige Umgehensweise des Bildhauers bei der Bearbeitung des Steins. Die kraftvolle skulpturale Fülle, die in sich geschlossene Komposition, die Umsetzung mathematischer Gesetzmäßigkeiten und physikalischer Parameter sind bemerkenswert. Der schwere Jahrmillionen alte Stein erhält Leichtigkeit und gelangt zur Bewegung durch eine zarte Bewegung dessen, der mit ihm in Beziehung tritt. Nur ein Künstler, der sich intensiv mit dem Wesen des Steines beschäftigt hat, sich auf ihn eingelassen hat, mittels des Erfühlens seines naturalen Charakters und seiner Individualität, ist fähig etwas aus ihm herauszuarbeiten, was den Stein zu mehr macht als einer starren atomaren Masse von Atomen. Matthias Rüppel haucht ihm Leben ein, lässt ihn antworten, entlockt ihm Lebendigkeit, die sich in der Bewegung zeigt, sich hin und her wiegt durch den Dialog mit dem Menschen, der sich ihm nähert und ihn berührt.
Achtung und Respekt, sich einlassen auf das, was sich im Gegenüber verborgen hält und es nicht bezwingen, sein inneres Wesen sich entfalten lassen wie eine Blüte, ohne an ihr zu zupfen, sind nicht das die Bedingungen, die Harmonie und ein wohlwollendes Miteinander zwischen dem Ich und dem Du ausmachen, ja erst zu seiner Schönheit, seiner Freude und seiner Fülle hinführen?
Mit der blanken Vernunft ist dies nicht möglich. Nur im Gefühl offenbart sich die Wahrheit der Schöpfung, die durch uns wirkt, lebt und stirbt.
“Wenn wir die Natur achten, und zwar jeden noch so kleinen Teil von ihr, achten wir all die Teile unseres Ichs und sind nicht fähig das Du zu achten. Die Erfahrung des Menschseins gelingt nicht, unabhängig vom Bewusstsein, dass wir ein Teil des Ganzen sind.”
Matthias Rüppel
Im diesem Werk begegnen uns Korrekturzeichen für eine notwendige Bewusstseinsänderung, der Hinweis nicht an der Ganzheit des Lebens uns an uns selbst vorbei zu leben.
© Angelika Wende, 2007