Angelika Wende - Laudatio zur Ausstellung "Ich – Selbst"
Finearts con.tra., Berlin, März 2005
Was einen Mann tief in seiner Seele berührt, ist der Kontakt zum Wesen seines Mann-Seins. Tief verborgen in jedem Mann liegen Grundmuster, feste Verdrahtungen für den positiv gereiften Mann. Diese Grundmuster bezeichnet man seit C.G.Jung, dem Mystiker unter den Vätern der Psychoanalyse, als Archetypen.
Seit Menschengedenken werden sie in allen Kulturen erlebt als ein vom Ich unabhängiges Gebilde. Ihre Gestalt ist wandelbar. Sie sind faszinierend und entsprechen den Geistern der Magie. Ebenso sind sie polar, gut und böse, bedrohlich und unterstützend. Sie sind vieldeutig und unerschöpflich. Durch sie erfolgen seelische Prozesse. Die Archetypen verbinden zwischen bewusst und unbewusst. Auf diese Weise haben sie eine transzendente Funktion, gehören beiden Bereichen der menschlichen Psyche an. Sie sind Transformatoren, Initiatoren für die Suche des Menschen nach seiner Ganzheit.
Als ich die Köpfe Matthias Rüppels zum ersten Mal sah, war ich gleichermaßen beeindruckt und berührt. Das, was mir wie Geisterwesen mit fast schon archaisch anmutendem Charakter über die Leinwand entgegentrat, berührte mich tief. Spontan dachte ich an eine Art Selbstschau des Künstlers als Ausdruck personifizierter Abschnitte individuellen Lebens. Aber Kopf für Kopf wurde ich gewahr, daß hier ein bildender Künstler, ein Maler, eine intensive Auseinandersetzung mit dem männlichen Archetypen eingeht, sich schonungslos auseinandersetzt mit dem Bild vom Mann-Sein. Hier hinterfragt jemand das, was den Mann ausmacht, und verarbeitet es in seinem Werk über das Individuelle hinaus.
Der Heldenmythos kam mir in den Sinn, die Besinnung auf die Wurzeln, die Initiation des heranwachsenden Jungen, das Sich-Einlassen auf die Individuation des Erwachsenen. Das Streben, durch die Integration des Schattens sein Selbst zu finden. Die lebenslange Suche nach Ganzheit mit ihrem Ziel eines Zustandes von Gelassenheit und innerem Frieden. Kollektive Themen, Themen, die Männer wie Frauen zu allen Zeiten begleiteten und begleiten.
Akribisch-analytisch aus Linien und Strichen ein Ganzes formend, das dennoch wie bruchstückhaft zusammengesetzt wirkt, in sich ruhend durch die monochrome Farbigkeit, packend durch die emotionale Expressivität, gleichen Matthias Rüppels Köpfe einer aus Stein gemeißelten Philosophie, manifestiert er mit den Mitteln der Bildenden Kunst die menschliche Auseinandersetzung mit dem Ich und dem Selbst. Somit ist er unabhängig vom kurzlebigen State of the Art. Aber es passierte mehr mit mir. Je tiefer ich mich einzulassen bereit war, desto intensiver überkam mich das Gefühl in einen Spiegel zu schauen. Was ich sah, war weit mehr als das Beschriebene. Teile dessen, was ich in mir kannte und dessen, was ich fühlte, erreichten mich wie eine Projektionsfläche, ohne dass ich es hätte benennen können.
Die Struktur des Menschen besteht aus festen Gesetzen. Wir alle gehorchen ihnen unbewusst. Das ist es, was der Archetyp in seiner Symbolhaftigkeit mit uns macht. Er konfrontiert uns mit uns selbst, unserem individuellen Sein und dem des Kollektiven, - universalisch sozusagen. Nun bin ich eine Frau, die Teile ihres Ichs im männlichen Kopf findet. Unbewusst gelang es mir also die Schwelle zu überschreiten und eine Beziehung zu meinen männlichen Anteilen herzustellen.
Der Geist, der Logos des Animus, des männlichen Prinzips und die Intuition des Weiblichen, der Anima, die seelischen Anteile, die wir im anderen Geschlecht suchen, uns gegenseitig spiegeln, auch das existiert durch absichtsloses Tun, in den Köpfen Matthias Rüppels.
Seine trotz allem spielerischen sehr bewusst formalen Arbeit, bei der man sehr genau beobachten kann, wie die bildnerischen Mittel aufeinander reagieren, ist der Ausdruck dessen, wie wichtig es ist, gerade heutzutage, die eigene Natur zu reflektieren und das individuelle Bewusstsein im Sinne des Kollektivs zur Wandlung zum Menschlichen hin einzusetzen. Schließlich sind wir alle Eins.
© Angelika Wende, freie Journalistin und Autorin, März 2005
"Ich spiele mit dem Kopf, ich behandle den Geist, der auf der Leinwand erscheint, wie ein Jongleur. Er entsteht durch vielfaches hin und her, zwischen hervorrufen und wieder zerstören, zwischen Definition und Relativierung. Ich benutze meine Bilder um mich als Mensch zu erfahren.
M. Rüppel